Was ist die wahre Ursache von Burnout?

Stress machen viele für den Ausbruch eines Burnout-Syndroms verantwortlich. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt Stress in ihrer Empfehlung für den ICD-11 als eine Hauptursache. Die wahre Ursache liegt jedoch an einer anderen Stelle: Burnout ist komplex und daher nie auf eine einzige Ursache zu reduzieren.

Gesunder Stress verursacht keinen Burnout

Gesunder Stress, also Eustress, kann kein Burnout-Syndrom verursachen. Warum nicht? Weil wir uns im Zustand von gesundem Stress in einem Leistungsoptimum befinden können.

  • Es gibt eine klar definierte Aufgabe mit einem realistischen Termin zur Fertigstellung. Die Aufgabe ergibt einen Sinn z. B. hinsichtlich einer Unternehmung, der Gesellschaft oder der Welt.
  • Alle Beteiligten haben dieselbe Auffassung von der Aufgabe. Jeder könnte zu jeder Zeit identische Aussagen über die Aufgabe machen.
  • Die Verantwortlichen verfügen über die notwendigen Ressourcen – Personal, Zeit, Budget, um die Aufgabe zu erfüllen.

Wer unter diesen Umständen mit Nachdruck für die Umsetzung der Aufgabe arbeitet, wird keinen Burnout erleiden.

  • Kein Burnout, weil die Person einen realistischen Zeitrahmen hat, in dem Pausen und Zeiten des Nachdenkens eingeplant sind.
  • Kein Burnout, weil die Person ein erreichbares Ziel vor Augen hat.

Disstress ist eine Ursache von Burnout

Ungesunder Stress, also Disstress, kann zum Burnout-Syndrom führen. Mit unrealistischen Zeitvorgaben sollen Ziele erreicht werden, die eigenen Werten widersprechen oder nicht klar sind. Diffuse Ziele kommen einem Nebel gleich, in dem niemand sieht, was als Ergebnis der Aufgabe stehen soll.

Zielkonflikt – hin- und hergerissen

Zielkonflikte können Burnout auslösen

Ein Zielkonflikt kann zum Burnout führen

Nehmen wir an, ein Friedensforscher wird arbeitslos und findet nur eine Anstellung bei einem Rüstungskonzern. Seine wirtschaftliche Situation gebietet ihm, die Arbeit anzunehmen. Seine Überzeugung verbietet ihm den Job gleichzeitig. Der Mensch erlebt eine massive Diskrepanz zwischen seinen persönlichen Werten und der betriebswirtschaftlichen Realität. Wenn dazu noch ein unerquickliches Arbeitsumfeld mit Kollegen kommt, die ihn verächtlich machen, ist das produktive Arbeiten so gut wie unmöglich. Es entsteht – bildlich gesprochen – Reibungswärme zwischen den Wertvorstellungen. Wenn es hier nicht zu einer Klärung bzw. einer Veränderung der Situation kommt, besteht ein hohes Risiko, alle Nervenreserven buchstäblich zu verheizen. Lesen Sie hierzu auch meinen Text zu den Double-Binds als Burnout-Ursache.

Burnout-Ursache: negatives, leistungsgetriebenes Selbstkonzept

To-do-Liste

To-do-Liste – manche definieren sich über Aufgaben

Manche Menschen hören als Kinder und Jugendliche Sätze wie: „Werdet ihr erst mal etwas, bevor ihr mitredet.“ Durch solche Formeln, werden sie oft genug wiederholt, entsteht ein brüchiges Selbstbild. „Ich bin nur dann etwas wert, wenn ich etwas leiste“ – so die innere General-Schlussfolgerung, die sich durch mehrere Lebensjahrzehnte ziehen kann. Dieses fragile Bild von sich selbst versuchen viele Betroffene durch Höchstleistungen auszugleichen. Zur beruflichen Karriere kommt noch die Funktion im Aufsichtsrat, das Engagement im Beirat von Kindergarten und Schule. Womöglich noch Ehrenamt. Und die Funktion des Fußballtrainers für die Nachwuchsmannschaft des Sportvereins. All das kann aber niemals genügen, um diese Grundformel auszugleichen: „Immer dann, wenn ich nichts leiste (andere sagen dazu: wenn ich mir einen Ausgleich hole und diesen genieße), fühle ich mich wertlos, wie ein Verschwender von Zeit.“

Was bleibt einer Person, die sich nur dann in Ordnung fühlt, wenn sie etwas leistet, etwas für die anderen unternimmt? Sie wird niemals zu einer tiefen, kontemplativen Ruhe finden, weil die Ruhe gleichbedeutend scheint mit etwas Negativem.

„Erschöpfung ist etwas für Versager“

Wie absurd es ist, sich für eigene Grenzen und Erschöpfung abzuwerten, zeigt dieses Beispiel: Wer würde einen Feldarbeiter oder einem Monteur am Fließband, der abends vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen stehen kann, als leistungsschwach bezeichnen? Würde man ihm am kommenden Tag die doppelte Arbeit aufbürden – in der Annahme, das wäre locker zu schaffen? Sicher nicht.

Und doch passiert genau das häufig in den Berufsgruppen, die keiner vordergründig körperlichen Arbeit nachgehen. Ohne Rücksicht auf Verluste werden in Management, Verwaltung und Pflege Stellen zusammengestrichen. Die verbleibende Belegschaft wird es dann schon richten, so die einhellige Meinung.

Die wahren Ursachen für Burnout sind gesellschaftlich begründet

Jeder Mensch, der wegen der an ihn gestellten Anforderungen gesundheitlich in die Knie geht, ist eine stumme Anklage gegen die fast manische Wachstumshaltung in unserem System“ (Dr. Gunther Schmidt im Geleitwort zu „Burnout-Prävention und -Intervention im Marketing“ (Springer Gabler, Wiesbaden, 2019)

Lesen Sie hier: Wie das Prinzip der gesunden Erschöpfung aus der Leistungsspirale herausführen kann.